von Katharina Nüßlein (18.Mär.2026)
„Sei wild, gefährlich und wild!” – das Flüstern, die Melodie. Die Wilden-Kerle-Filme sind pure Fußball-Nostalgie der 2000er, “Dafür lege ich meine beiden Beine ins Feuer.“ Jeder kennt das Logo, selbst ohne je einen Film gesehen zu haben. Es war jahrelang auf Mäppchen, T-Shirts oder Turnbeuteln zu sehen. Die Filmreihe löst ein Gefühl der Unbeschwertheit aus, wenn man mit ihr seine Kindheit verbracht hat und zusammen mit den Schauspielern aufwuchs. Zumindest bisher, denn vor wenigen Wochen veröffentlichte der NDR eine Dokumentation über Kinderschauspieler und thematisierte unter anderem das Mobbing am Set der Wilden Kerle Filme. Wie gut ist die Reihe gealtert?
Von einer quirligen Rasselbande und „Igitt, Kotz und Bäh – Mädchen, die stinken” zu Vampiren hinter dem Horizont, von denen die Wilden Kerle, wie bei der RTL-Show Take Me Out, jeweils ein Chick mit nache Hause nehmen. Let’s rewatch und zurück zum Anfang.

Foto & Edit: Ellie Haase
„Alles ist gut, solange du wild bist“
Im ersten Teil müssen die Fußballkids den Teufelstopf gegen den Dicken Michi verteidigen, den „Darth Vader der Wilden-Kerle-Welt. Er hantiert mit Kreissägen, während im Hintergrund der Zerstörungs-Track seiner Bande läuft: „Unbesiegbar, böse und cool. Die Wilden Kerle sind sowas von schwul.” Ob es wirklich schwul oder fool heißen soll, wird im Film nicht klar, aber möglicherweise schwul als negative Konnotation zu verwenden, wäre homophob. Ebenso basiert Michis Spitzname auf seinem Körpergewicht. Der 14-Jährige schleuderte einen Pitbull so lange an seinen Ohren, bis er nur noch die Ohren in der Hand hielt. Diese trägt er als Glücksbringer immer bei sich. Natürlich soll das seine Brutalität unterstreichen, aber ein Hunde-liebendes Kind empfindet diese Vorstellung, einem Hund die Ohren abzureißen, möglicherweise verstörend. Vanessa möchte, obwohl sie ein Mädchen ist, zu der Bande gehören. Erst nachdem sie sich im Elfmeterschießen bewiesen und dadurch das Ego der Jungs gekränkt hat, wird sie akzeptiert. Das Mädchen, das in den Filmen keines sein darf, wird für die Wilden Kerle zu einer wahrhaften Attraktion: erst ist Fabi verknallt, dann Leon und im vierten Teil sogar Maxi.
„Bei meiner alten Freundin Staraja Riba“
Im zweiten Teil der Filmserie pinkelt Vanessa im Stehen zusammen mit den Jungs in einer Reihe. Außerdem möchte sie die erste Frau in der Männernationalmannschaft werden, denn wie jeder weiß, ist Frauenfußball nicht erstrebenswert. Mit der Hook-Up-Line „Hey-ho, kleiner Stern” erobert eine auf Wish bestellte Captain-Jack-Sparrow-Kopie jedoch innerhalb von nur fünf Minuten Vanessas Herz und sie wechselt zu einer bösen Skater-Gang in eine Lagerhalle. Neben lebensechten Vogelnestern, die von der Decke hängen, betet der Skater-Pirat Gonzo Gonzales an einem Altar zu einer Hexe. Vanessa war ziemlich einfach vom Wechsel von den Kerlen zu dieser crazy Sekte zu überzeugen und bei Ex-Freund Leon setzt statt Selbstreflexion, Trotz ein. Untermalt wird, wie immer in der Filmreihe, die offensichtliche Botschaft mit einem Soundtrack, der die Situation rekapituliert: „Ihr könnt mich mal. Wie kann man nur so eingebildet sein?” Das war als Kind schon purer Fremdscham. Die Kerle versuchen, Vanessa mit einem Liebesbrief zurückzuerobern und schwärmen über ihren extra breiten „Hinterradreifen“. Jedoch wollen sie Vanessa nicht aufgrund ihres Charakters zurück oder weil sie ihnen wichtig ist, sondern weil die Mannschaft ohne sie das anstehende Fußballspiel wohl verlieren würde – eine riesen Katastrophe für jedes Männerherz.
„Kaninchen-Wattebausch-Bommelschwanz-Po“
Von den Unbesiegbaren Siegern und Gonzo Gonzales geht es im dritten Teil zu den Biestigen Biestern und eins wird deutlich: Drehbuchautor Joachim Masannek hat eine Vorliebe für alberne Alliterationen. Nachdem zuvor Charaktere random verschwunden oder dazugekommen sind, beginnt auch dieser Teil mit der Vorstellung eines neuen (natürlich) Jungen: Nerv. Woher er kommt, erfahren wir nie. Auch der Erfinder Hadschi Ben Hadschi taucht wie selbstverständlich im Film auf und wird nicht vorgestellt. Mit ihm werden erste magische Gegenstände eingeführt, wie der geheime Geheimversteck-Sucher oder Flaschen, die zu deinem Wunschgetränk werden, wenn du am Etikett reibst. Ab diesem Punkt geht es bergab, da die Filme nicht mehr Fußball im Fokus haben und unrealistisch werden. Fabi, Leons ehemaliger bester Freund, der im zweiten Teil kommentarlos von der Bildfläche verschwand, wird im dritten Teil zu einer billigen Kopie von Willy Wonka mit schwarzem Hut und Totenkopf-Gehstock. Er ist der Anführer der Biestigen Biester, einer Mädchenmannschaft, die natürlich ohne männliche Führungsfigur nicht auskommt. Diese leben wie grüne, verblödete Barbies in Hotpants und Crop-Tops im Wald und wollen beweisen, die wildeste Fußballmannschaft der Welt zu sein. Völlig übersexualisiert verlieren sie jedoch gegen die männerdominierte Gang, denn gegen Mädchen zu verlieren, kommt für den maskulinen Anführer, Leon, nicht in Frage.
„Hottentottenalbtraumnacht“
„Wild” wird im vierten Teil zu wörtlich genommen, denn die Kerle kehren nie wieder nach Hause zurück. Markus muss wohl fix eine Ausbildung zum Kfz-Mechaniker gemacht haben, denn er hat Höllenmaschinen gebastelt, gegen die die Kinderfahrräder ausgetauscht werden. Mit diesen rasen sie ganz vorbildlich, fernab von Straßen und offiziellen Wegen, durch den Wald. Nachdem sie die Wölfe, eine Gruppe verwilderter Teenager, mitten im Wald besiegt haben, liefern sich Leon und sein Bruder Marlon ein Geschwisterduell um ein Mädchen, obwohl Leon eigentlich mit Vanessa zusammen ist. Selbst der wilde Kerl Nerv findet ein Mädchen, das er, aufgrund ihrer Eigenschaft, ein Mädchen zu sein, eigentlich verabscheut hat. Nachdem auch sie, wie Vanessa, im Stehen pinkeln kann, darf sie sich der wilden Gang anschließen.
„Kreuzkümmel und Hühnerkacke“
Nachdem die Ex-Hobbykicker im vorherigen Teil bis „ans Ende der Welt“ fahren mussten, geht es nun hinter dem Horizont weiter. Leon verschwindet (mal wieder) und der vermeintlich obdachlose Rest sucht ihn mehr als zehn Monate lang. Ziemlich sicher sucht das Jugendamt alle Kerle seit Teil drei. Gefunden wird Leon versteinert (wtf) in einer Lagerhalle, in der eine Gruppe minderjähriger Vampire lebt. Vanessa, die schon x-Mal von Leon verlassen wurde, muss ihm ihre Liebe beweisen, um den Fluch, der ihn versteinerte, zu brechen. Nach schätzungsweise 100 Spezialeffekten findet hier jeder Kerl seine Braut und es darf jetzt endlich richtig geküsst werden!
Der härteste Bums der Welt
Vom Teufelstopf und einer Federkanone über eine Blutegel-Schleuder zu teleportierenden Vampiren, die alle jemanden abschleppen wollen. Egal, ob es der Mann mit dem härtesten Bums der Welt oder Vanessa ist, die „DAS auch hat”: Beim Rewatch fragt man sich unweigerlich, ob Erwachsene Kinderfilme überhaupt so streng beurteilen dürfen. Vieles, was heute problematisch wirkt, ist Kindern schlicht entgangen. Vielleicht liegt genau darin der Charme: in der Kombination aus überzogener Dramatik, trashigen Gegnern und seltsamen Songs. Für ein paar Stunden sind wir wieder Kind und alles ist gut, solange wir wild sind.


