Assia El Fechtali: Kämpferin mit Herz
von Marie Krull (03.Apr.2025)
Manche haben es, manche nicht: Den Funken, das Strahlen in den Augen – die Leidenschaft.
Schon bei der ersten Begegnung mit Assia El Fechtali war klar: Sie hat es. Es war, als würde sie über den Boden der Boxhalle schweben. Als würde der Sport sie mit Energie aufladen, statt sie ihr zu nehmen. Die 17-Jährige aus Hanau, jetzt im Maintal, boxt seit zweieinhalb Jahren und feierte in der Bantam-Gewichtsklasse U19 große Erfolge: deutsche Meisterin, Gewinnerin des TBV-Kaderturniers, Bronzemedaillen bei der U19-WM und dem Golden Girls Cup 2024.

Illustration: Margo Sibel Koneberg
Was hat dich zum Boxen gebracht?
Der ausschlaggebende Moment war ein Kickbox-Kampf von meiner Schwester, den ich mit acht oder neun Jahren gesehen habe. Es hat mich beeindruckt, wie sie im Ring stand und kämpfte, während wir alle für sie jubelten. Da wusste ich: Das will ich auch.
Wann warst du das erste Mal im Training?
Nach der Pandemie bin ich mit Freundinnen in einem Frauengym zum Boxtraining gegangen. Meine Mama war kein großer Fan vom Boxen, aber ich habe sie überredet. Direkt beim ersten oder zweiten Training hat die Trainerin gefragt: „Wer möchte in den nächsten Wochen kämpfen?“ Und ich war sofort dabei, obwohl ich nichts konnte.
Wieso hast du keine Hemmung vor dem Kämpfen?
Ich glaube, es liegt an meinen älteren Brüdern und Cousins. Ich weiß, dass Boxen mehr ist als Schlagen, und habe keine Angst, getroffen zu werden.
Was fasziniert dich am Boxen?
Es ist ein anspruchsvoller Sport, bei dem ich ständig Neues lerne. Es macht mich selbstbewusster und ruhiger. Boxen fordert Körper und Geist komplett. Es ist mein Ausgleich, und die Menschen und Trainer hier inspirieren mich. Im Boxclub Eintracht sind wir wie eine Familie – meine Trainer sind unersetzbar.

Assia El Fechtali
Wie oft trainierst du in der Woche?
Ich laufe dreimal pro Woche morgens vor der Schule etwa fünf bis sechs Kilometer. Von Montag bis Freitag trainiere ich täglich anderthalb Stunden. Am Wochenende ist es variabel.
Wie vereinbarst du Schule, Training und Freizeit?
Es kann schwierig werden, vor allem wenn ich mal nicht lerne und viel aufholen muss. Deshalb passe ich in der Schule gut auf und nutze Pausen oder Busfahrten für Hausaufgaben. Für mich gilt: Training fällt wegen Schule nicht aus – ich plane so, dass beides klappt. Manchmal ist es schwer, meiner Familie genug Aufmerksamkeit zu schenken, besonders wenn ich für Kämpfe reise oder im Trainingslager bin. Meine Trainer Azzedine und Abdelilah unterstützen mich dabei. Letztes Jahr zum Beispiel plante meine Familie Sommerferien in Marokko, doch ich wurde zu einem Qualifikationsturnier eingeladen. Azzedine organisierte alles, damit ich beides machen konnte.
Wie kommt es, dass du so diszipliniert bist?
Ich habe ein Ziel vor Augen und solange ich das Ziel nicht aus den Augen verliere, arbeite ich so viel ich kann daraufhin. Disziplin bedeutet, immer weiterzumachen, auch wenn Motivation kommt und geht.
Mit deinen Prioritäten stichst du sicher unter Gleichaltrigen hervor. Fühlst du dich manchmal alleine?
In der Schule bin ich oft allein, weil viele in meinem Alter nicht verstehen, was ich mache. Im Boxtraining habe ich jedoch Freunde und meine Trainer, dort fühle ich mich nie allein – genauso wenig wie zu Hause bei meiner Familie.
Du meintest einmal, dass im Ring eine andere Seite von dir zum Vorschein kommt. Wie würdest du die beschreiben?
Im Alltag bin ich fröhlich und zurückhaltend, immer am Lächeln. Im Ring bin ich konzentriert, es gibt kein Larifari mehr, kein Lachen und ich verkörpere gesunde Aggressivität – eine Seite, die es nur dort gibt.

Assia El Fechtali
Besonders der erste Schlag ins Gesicht fordert Selbstkontrolle, um nicht in panische Aggressivität zu verfallen. Wie hast du das gelernt?
Ich finde diese Balance durch meine Trainer und mein Selbstbewusstsein. Oft komme ich nach der ersten Runde hektisch in die Ecke, und Azzedine sagt: „Beruhig dich, du machst das gut.“ Ich atme tief durch und werde ruhiger. Mit der Zeit weiß man, was man kann. Ein Treffer heißt nicht, dass ich verliere. Mittlerweile habe ich mich auch alleine gut im Griff. Sie hat mich getroffen, aber ich treffe doppelt – und wenn sie gut ist, bin ich besser.
Was gibt dir in schwierigen Phasen Hoffnung?
Meine Familie und meine Trainer geben mir Hoffnung. Sie investieren Zeit, Geld und Energie in mich. Menschen zählen auf mich, und ich könnte nie einfach aufgeben. Ich stehe immer wieder auf, weil ich genau weiß, was ich will und alles dafür tue. Zu Hause zu bleiben und nichts zu tun wäre für mich respektlos gegenüber denen, die so viel für mich tun.
Was war der herausforderndste Kampf, den du je hattest?
Das war der Kampf beim Brandenburg Cup gegen die dreifache Europameisterin aus England. In der ersten Runde habe ich überraschend 5:0 gewonnen. Es war körperlich und mental extrem anstrengend. In der zweiten Runde bekam ich einen Punktabzug, der die Runde für sie entschied. In der dritten haben wir uns die Köpfe eingeschlagen. Sie hatte rund 80 Kämpfe, ich erst 17 – und ich glaube, sie wollte nicht gegen mich verlieren. Am Ende hat es leider nicht für mich gereicht, aber ich habe unglaublich viel gelernt.
Welche Botschaft möchtest du anderen jungen Frauen mitgeben, die sich für Boxen oder eine andere Leidenschaft interessieren?
Macht es, traut euch, geht raus! Macht, was ihr liebt, macht was euch Spaß macht, lasst euch von niemandem einschüchtern. Habt keine Angst, das ist das Allerwichtigste. Seid einfach stark. Seid eine Kämpferin. Hört nicht auf, wenn es mal schwierig wird. Bei mir wird’s oft schwierig und ich denke, ich schaffe das nicht mehr, aber hört nicht auf. Verliert niemals den Glauben an euch. Und nehmt euch die Motivation von den Menschen, die ihr liebt und versucht sie nicht zu enttäuschen. Wir haben immer viel mehr in uns, als wir denken.
English version (automated translation:)
Assia El Fechtali: A Fighter with Heart
by Marie Krull (03.Apr.2025)
Some people have it, some don’t: that spark, that shine in their eyes—the passion.
From the first encounter with Assia El Fechtali, it was clear: she has it. It was as if she were gliding across the boxing gym floor, as if the sport energized her rather than draining her. The 17-year-old from Hanau, now living in Maintal, has been boxing for two and a half years and has celebrated major successes in the U19 bantamweight category: German champion, winner of the TBV squad tournament, and bronze medalist at both the U19 World Championships and the 2024 Golden Girls Cup.

Illustration: Margo Sibel Koneberg
What brought you to boxing?
The defining moment was watching a kickboxing match of my sister when I was eight or nine years old. I was impressed by how she stood in the ring and fought while we all cheered for her. That’s when I knew: I want to do that too.
When did you first step into training?
After the pandemic, I went to a women’s gym for boxing training with my friends. My mom wasn’t a big fan of boxing, but I convinced her. Right in the first or second training session, the coach asked, „Who wants to fight in the next few weeks?“ And I was immediately in—even though I knew nothing.
Why do you have no hesitation about fighting?
I think it’s because of my older brothers and cousins. I understand that boxing is more than just hitting, and I’m not afraid of getting hit.
What fascinates you about boxing?
It’s a demanding sport where I constantly learn new things. It makes me more confident and calmer. Boxing challenges both body and mind completely. It’s my balance, and the people and coaches here inspire me. At the Eintracht boxing club, we’re like a family—my coaches are irreplaceable.

Assia El Fechtali
How often do you train per week?
I run five to six kilometers three times a week before school. From Monday to Friday, I train for an hour and a half daily. On weekends, it varies.
How do you balance school, training, and free time?
It can get difficult, especially when I fall behind on studying. That’s why I pay close attention in school and use breaks or bus rides for homework. For me, training doesn’t get canceled because of school—I plan everything so both work. Sometimes, it’s hard to give my family enough attention, especially when I travel for fights or training camps. My coaches, Azzedine and Abdelilah, support me. Last year, for example, my family planned summer vacation in Morocco, but I was invited to a qualification tournament. Azzedine arranged everything so I could do both.
How do you stay so disciplined?
I have a goal in mind, and as long as I don’t lose sight of it, I work as hard as I can toward it. Discipline means pushing through, even when motivation comes and goes.
With your priorities, you must stand out among your peers. Do you ever feel alone?
At school, I’m often alone because many people my age don’t understand what I do. But in boxing training, I have friends and my coaches—I never feel alone there, just like I don’t at home with my family.
You once said that a different side of you comes out in the ring. How would you describe it?
In everyday life, I’m cheerful and reserved, always smiling. In the ring, I’m focused—no more fooling around, no more laughing. I embody a healthy aggression—a side of me that only exists there.

Assia El Fechtali
The first punch to the face especially demands self-control to avoid panicked aggression. How did you learn that?
I find that balance through my coaches and my confidence. Often, I come back to my corner after the first round all frantic, and Azzedine says, „Calm down, you’re doing well.“ I take a deep breath and settle down. Over time, you know what you’re capable of. A hit doesn’t mean I’m losing. By now, I manage myself well. She hit me, but I hit back twice—and if she’s good, I’m better.
What gives you hope in difficult times?
My family and my coaches give me hope. They invest time, money, and energy in me. People count on me, and I could never just give up. I always get back up because I know exactly what I want and do everything for it. Staying at home and doing nothing would be disrespectful to those who do so much for me.
What was the toughest fight you ever had?
That was the fight at the Brandenburg Cup against the three-time European champion from England. In the first round, I surprisingly won 5-0. It was physically and mentally exhausting. In the second round, I got a point deduction, which gave her the round. In the third, we went all out. She had about 80 fights, I had only 17—and I think she didn’t want to lose to me. In the end, it wasn’t enough for me, but I learned an incredible amount.
What message do you want to give to other young women interested in boxing or any other passion?
Do it, dare, go out there! Do what you love, what makes you happy—don’t let anyone intimidate you. Have no fear; that’s the most important thing. Be strong. Be a fighter. Don’t stop just because it gets tough. For me, it often gets tough, and I think I can’t do it anymore—but don’t stop. Never lose faith in yourself. Take motivation from the people you love and try not to let them down. We always have so much more in us than we think.
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