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Alles Mögliche und nichts zugleich – auf der Lucid-Dreams-Party im Schlosskeller

von Arne Herrmann (31.01.2024)

Am 20. Januar hat das Frankfurter Lucid Kollektiv die Trance-, Techno- und Psytrance-Herzen in Darmstadt höher schlagen lassen! Das Kollektiv war das erste im Schlosskeller und hat die Location in einen traumhaften Zauberwald verwandelt. Das Schlosskeller-Team war begeistert von der Veranstaltung und hofft auf eine Wiederholung. Doch wie sieht es bei den feierwütigen Darmstädter:innen aus? Arne Herrmann war für Ach_dasta am Start und hat die Dreams-Party ganz genau unter die Lupe genommen.

Illustration: Margo Sibel Koneberg und Arne Herrmann

23:45 Uhr. Wir schaffen es, die Wohnung Richtung Schloss(-keller) zu verlassen. Nur 45 Minuten hinter Plan, nicht schlecht. Vorher noch kurz Geld abheben und einen weiteren Teilnehmer unserer Runde einsammeln. Noch eine Viertelstunde Schlangestehen, bis man die minus sechs Grad Schneelandschaft draußen vergessen kann. Trotz Lederjacke und Pulli frieren wir uns den Arsch ab, während zwei Meter weiter eine junge Frau im bauchfreien Top genügsam eine Kippe qualmt. Wer sie sieht, zittert. Schnell drehe ich mir noch eine Ziese, bevor die Schlange endet, und zünde sie an, da kommt überschwänglich grüßend Einer von der Seite. Kein Plan, wer das ist, aber mein Automatismus kickt: Einfach mal so tun, als würde ich ihn kennen, vielleicht fällt mir ja gleich wieder ein, wer das nun ist. Komisch energetisch grüßt der mich, dafür, dass ich mich nicht mal an ihn erinnere. Offensichtlich, weil er mich gar nicht kennt, er will nur in die Schlange und vordrängeln. Verdamm meine Automatismen! Außerdem war ich gerade in Sorge, ein paar Gedanken für den Artikel zu vergessen, schnell aufschreiben! Zu viel Multitasking um zwölf. Ich realisiere, was hier gerade passiert, drehe mich zu meinen Kollegen und bemerke belustigt, wie dumm mein Gehirn ist, zu glauben, ich könnte den kennen. Unangenehm. Überfordert mit der Situation und kurz vor Schlangenende auch keinen Bock, jetzt ’ne Szene zu machen. Ich ignorier ihn jetzt einfach. Gleichzeitig hat er noch seine zweifache Begleitung dazu geholt. Und schon fängt er an, uns über unsere Schultern zuzulabern: „Braucht ihr was?“ Nein. „Bisschen Keta vielleicht, Keta?“ Nee, lass mal. Habe ich schon „unangenehm“ gesagt? Spätestens seine Begleitung spricht es nun aus und ermahnt ihn genervt, ob er das vielleicht nicht zwei Meter vor den Türstehern rumgrölen will. Und schon geht’s rein, erlöst von den Möchtegern-Dealern.

Verträumte Katakomben
Dem Kassenwart gebe ich ’nen Zwanni, mal gucken, was es kostet. Später erfahre ich, dass ich das selbst hätte entscheiden können, anfangend bei fünf Denare. Die Kasse ist so freundlich, für mich zehn Euro zu entscheiden. So arm wie ich bin, kratzt es kurz an meiner Seele – aber nun gut, so sehr dann auch wieder nicht. In dem Moment wundere ich mich nur, dass die Inflation sogar den Schlosskeller schon zu ’nem Zehner getrieben hat. Wir treffen im Eingang noch spontan eine Freundin und machen sie zu Nummer vier in unserer kleinen Gruppe für den Abend, die Katakomben-Erkundung geht los. Heute sind beide Tanzflächen geöffnet, der kleine Bunker-Raum gleich zur Rechten des Eingangs und das übliche weinkellerartige Etablissement links der Eingangstreppen. Schnell noch Jacke abgeben und Getränke besorgen. Erstmal scannen: Was ist anders? Immerhin bin ich seit mindestens einem Jahr nicht mehr hier gewesen. Es hat sich tatsächlich einiges geändert, soweit ich das beurteilen kann: Wir betreten den Hauptraum. Ein Klostergewölbe aus sechs gleichen Teilen, rechteckig zusammengesetzt. Die Bar ist immer noch an derselben Stelle, gleich wenn man reinkommt links. Das DJ-Pult ist jetzt in der quer gegenüberliegenden Ecke des rechteckigen Aufbaus. Und überall hängt „verträumte“ Deko: Stoffnetze und -muster im Stuckstil, die wie Efeu an der Decke ranken und in denen sich der Blick verliert. Sieht genial aus!

Ein T-Rex auf der Tanzfläche
Von da an wird erstmal etwas getanzt, mal auf der Hauptstage, mal im kleinen Bunker. Der Bunker spielt kohärent verschiedene Auswüchse von Psy-Trance. Auf der Hauptstage wird alles, was der Laie unter Techno versteht, irgendwie mal durchgemischt – mit über den Abend fortschreitend härterem Charakter. Die nächsten paar Stunden verbringt mein Team in der üblichen Club-Routine zwischen Tanzen, Stage-Wechseln und Rauchengehen. In dieser Zeit passiert alles Mögliche und nichts zugleich. Im Bunker kommt es zeitweise gerne mal dazu, dass die Dame vor mir plötzlich anfängt, mit ihrem Tanzstil einen T-Rex zu imitieren. Die Arme legt sie dabei spitz-rechtwinklig in die Hüfte und schwingt den Oberkörper so weit wie möglich vor und zurück. In dieser rhythmischen Bewegung schrumpft meine Tanzfläche jedes Mal drastisch, aber das vergeht auch wieder. Einmal greifen ich und eine andere Dame gleichzeitig zu meinem Getränk. Ihr Arm, der sich mit dazugehöriger Hand auf mein Getränk zubewegt, wechselt ohne Verzögerung den Kurs und schwingt in hohem Bogen vorbei, zu einem anderen Getränk. Innerlich lachend denke ich mir: elegant.

Die Musik hat entschieden
Zwischenzeitlich geht meine Energie fast zur Neige, mein Magen merkt kritisch an, dass ich den halben Tag nichts gegessen habe, ich setze mich hin und raste erstmal. Während ich dasitze, schleichen zwei Frauen um mich herum, irgendwas mit ’ner Jacke, kurz wird geleuchtet, dann ziehen sie weiter. Ein Typ fragt nach einem Pape, ich verneine, heute selbst nur am Schnorren. Mein Kopf denkt sich gerade: „Okay… langsam schon müde“, da beginnt der Beat funky zu werden und die Energie kommt zurück. Ich stehe auf, die Musik hat entschieden. Eine weitere Viertelstunde, und die Hauptstage switcht wieder das Genre. Was gerade noch funky war, klingt nun wie Alpen-EDM, so kommt es mir zumindest vor. Erstmal wieder rausgehen, rauchen. Die Musik wird bewertet: Die Hauptstage ist ganz passabel, da hat man schon Schlechteres gehört, aber die Transitions sind zu abrupt, ständig geht es in einen neuen Modus, zu wenig Übergang. Mein Kollege sagt nur: „Das ist mir den Schweiß nicht wert“, ich kann nur zustimmen. Wir heitern uns noch einmal etwas an und probieren es ab nun im Bunker: Psy soll es sein. Meine Kollegin bietet mir etwas zu Essen an. Im Sortiment: Prinzen-Rolle-Minis, Traubenzucker, ein Kitkat, einzelne Chips und eine Mandarine. Wow! Ich bin beeindruckt und breche das Kitkat für die Runde. Es ist nun etwa drei Uhr morgens und die Erste unseres Vierer-Gespannes bricht auf, macht sich heim. Kurz steht diese Frage für alle im Raum: Gehen oder bleiben?

Im Sog des Psy
Aber dann löten wir uns nochmal richtig einen rein und machen uns auf, uns im Bunker etwas weiter voranzuarbeiten, näher zum DJ-Pult. Die kommenden zwei Stunden werde ich den Bunker nicht mehr verlassen. Der zu anfangs noch wunderschöne Boden wird zwischendrin geflutet mit Glassplittern und Bier. Für eine halbe Stunde ist er ähnlich abartig wie die Toiletten, aber irgendwie schafft es die Meute, ihn wieder sauber zu tanzen. Die Stunden vergehen, während mir morphende Psy-Auswüchse um die Ohren knallen, um mich herumspringende Menschen, ein bisschen wie Tennisbälle. Langsam geben meine Knie nach, aber der DJ treibt an. Wie Peitschen schlagen die Höhen, Bässe schreien uns an. Es ist nicht mehr möglich, still zu stehen. Der Sound kreischt durch den Raum. Immer und immer weiter, er zerreißt die Luft mit seinen Tönen. Marsianer-Klänge schallen und die Höhen drehen durch. Die Boxen klirren. Alle im Sog des Psy, eine animalische Energie hat den Raum ergriffen. Meine Beine versagen mehr und mehr, aber der Sog lässt uns nicht los, gefangen im aztekischen Traumwahn. Mal wiegt man nur noch hin und her, Energie sparend, im nächsten Moment setzt ein ganz böser Bass ein, der einen treibt, ob man will oder nicht. Innerlich hat man bereits zugestimmt im Pakt mit dem DJ. Man will das Ende nicht missen, die letzte Wendung, die der Klangkünstler dem Mischpult mit seinen Fingern entlockt. Wir alle gefangen im Wahn der Suche nach der Antwort darauf, wie das Set endet. Die letzte Viertelstunde begnüge ich mich am Rand stehend, noch ein paar Notizen machend.

„Darmstadt im Nebel“, Foto: Arne Herrmann

Kurz vor Fünf verlassen mein noch verbleibender Kollege und ich das Haus. Eisige Kälte und ein phantastischer Nebel grüßen uns. Die Stadt ist in eine magische Stille gehüllt. Wir laufen noch ein Stück, bevor wir uns auflösen. Schnee knirscht befriedigend unter den Schuhen und bedeckt den ganzen Unrat und Schmutz der Stadt. Der Körper ist im Arsch, aber es war ein geiler Abend. Die Ruhe des Morgens überträgt sich auf den Geist. Zuhause werde ich mich erstmal um meinen Körper kümmern, duschen, etwas essen und dann den Leichenschlaf antreten. Sonntags bleibe ich ein Wrack. Montags schwänze ich Uni, ist eh nur das erste Semester. Diesen Samstagabend hat der Schlosskeller geliefert. Eine positive Erinnerung in meinem Schädel.

English version (automated translation):

Everything and nothing at the same time – at the Lucid Dreams party in the Schlosskeller

by Arne Herrmann (31.01.2024)

On January 20, the Frankfurt-based Lucid Kollektiv made trance, techno and psytrance hearts beat faster in Darmstadt! The collective was the first in the Schlosskeller and transformed the location into a dreamlike enchanted forest. The Schlosskeller team was delighted with the event and is hoping for a repeat performance. But what about the party-loving people of Darmstadt? Arne Herrmann was there for Ach_dasta and took a close look at the Dreams party.

Illustration: Margo Sibel Koneberg and Arne Herrmann

11:45 pm. We manage to leave the apartment in the direction of the castle (cellar). Only 45 minutes behind schedule, not bad. We withdraw some money beforehand and pick up another member of our group. Another fifteen minutes of queuing before we can forget about the minus six degree snow outside. Despite our leather jackets and sweaters, we freeze our asses off while two meters away a young woman in a belly top smokes a cigarette. Anyone who sees her shivers. I quickly roll myself a ciggy before the queue ends and light it, when someone comes from the side, greeting me effusively. I have no idea who it is, but my automatism kicks in: Just pretend I know him, maybe I’ll remember who it is straight away. He greets me in a strangely energetic way, but I don’t even remember him. Obviously because he doesn’t even know me, he just wants to get in the queue and jump the queue. Damn my automatisms! I was also worried about forgetting a few thoughts for the article, write them down quickly! Too much multitasking at twelve. I realize what’s happening, turn to my colleagues and realize with amusement how stupid my brain is to think I could know that one. Unpleasant. Overwhelmed by the situation and not in the mood to make a scene just before the end of the queue. I just ignore him now. At the same time, he brought his two companions with him. And he starts chatting to us over our shoulders: „Do you need anything?“ No. „A little keta maybe, keta?“ Nah, give me a break. Did I already say „unpleasant“? At the latest, his companion says it now and annoyedly admonishes him, asking if he doesn’t want to bawl it out two meters in front of the bouncers. And in he goes, freed from the would-be dealers.

Dreamy catacombs
I give the cashier a twenty, let’s see how much it costs. Later I find out that I could have decided for myself, starting at five denarii. The cashier is kind enough to give me ten euros. As poor as I am, it briefly scratches my soul – but well, not that much. At that moment, I’m just amazed that inflation has even driven the castle cellar to a tenner. We spontaneously meet a friend at the entrance and make her number four in our small group for the evening, the catacombs exploration begins. Both dance floors are open today, the small bunker room to the right of the entrance and the usual wine cellar-like establishment to the left of the entrance steps. Quickly hand in my jacket and get a drink. Scan first: What’s different? After all, I haven’t been here for at least a year. Things really have changed, as far as I can tell: We enter the main room. A monastery vault made up of six equal parts, put together in a rectangular shape. The bar is still in the same place, just to the left as you enter. The DJ booth is now in the opposite corner of the rectangular structure. And there are „dreamy“ decorations everywhere: stucco-style fabric nets and patterns that hang from the ceiling like ivy and in which the eye is lost. Looks brilliant!

A T-Rex on the dance floor
From then on there is some dancing, sometimes on the main stage, sometimes in the small bunker. The bunker plays a coherent variety of psy-trance. On the main stage, everything that the layman understands as techno is somehow mixed up – with a progressively harder character throughout the evening. My team spends the next few hours in the usual club routine between dancing, changing stages and smoking. During this time, everything and nothing happens at the same time. In the bunker, the lady in front of me suddenly starts imitating a T-Rex with her dance style. She puts her arms at right angles to her hips and swings her upper body back and forth as far as possible. This rhythmic movement causes my dance floor to shrink drastically every time, but it disappears again. At one point, me and another lady reach for my drink at the same time. Her arm, which is moving towards my drink with the corresponding hand, changes course without delay and swings past in a high arc to another drink. Laughing inwardly, I think to myself: elegant.

The music has decided
In the meantime, my energy is almost running out, my stomach critically notes that I haven’t eaten anything for half the day, I sit down and rest for a while. While I’m sitting there, two women sneak around me, something with a jacket, they light up briefly, then move on. One guy asks for a Pape, I say no, just mooching around myself today. My head is just thinking: „Okay… getting tired“, when the beat starts to get funky and the energy returns. I get up, the music has decided. Another fifteen minutes and the main stage switches genres again. What was just funky now sounds like alpine EDM, at least that’s how it feels to me. First go out again, smoke. The music is evaluated: The main stage is quite passable, you’ve heard worse, but the transitions are too abrupt, it constantly goes into a new mode, too little transition. My colleague just says: „It’s not worth the sweat“, I can only agree. We cheer ourselves up again and try the bunker from now on: Psy it should be. My colleague offers me something to eat. In the assortment: Prinzen roll minis, glucose, a Kitkat, individual potato chips and a mandarin orange. Wow! I’m impressed and break the Kitkat for the round. It’s now about three in the morning and the first of our foursome sets off, heading home. For a moment, the question is on everyone’s mind: leave or stay?

In the pull of the psy
But then we get really into it again and set off to work our way a little further into the bunker, closer to the DJ booth. I won’t be leaving the bunker for the next two hours. The floor, which was still beautiful at the beginning, is flooded with broken glass and beer in between. For half an hour it is as disgusting as the toilets, but somehow the crowd manages to dance it clean again. The hours go by while morphing psy outgrowths bang around my ears, people bouncing around me, a bit like tennis balls. Slowly my knees give way, but the DJ drives me on. The highs beat like whips, basses scream at us. It is no longer possible to stand still. The sound screeches through the room. Over and over again, tearing the air apart with its tones. Martian sounds resound and the treble goes crazy. The speakers clatter. Everyone in the wake of Psy, an animalistic energy has taken over the room. My legs are failing more and more, but the maelstrom won’t let us go, caught up in the Aztec dream madness. One moment you’re just swaying back and forth, conserving energy, the next moment a really bad bass kicks in, driving you whether you like it or not. Inwardly you have already agreed to the pact with the DJ. You don’t want to miss the end, the final twist that the sound artist coaxes out of the mixing desk with his fingers. We are all caught up in the madness of searching for the answer to how the set ends. I content myself with standing on the sidelines for the last quarter of an hour, taking a few more notes.

„Darmstadt in the fog“, photo by Arne Herrmann

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