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Alltag

Poetry Slam von Leonie Koppe (11.07.2023)

Illustration: Karoline Hummel

Maya steht morgens vorm Kleiderschrank und überlegt, was sie am besten anziehen soll,
wenn sie heute über Straßen gehen will.
Nicht zu kurz, der Ausschnitt bedeckt.
Vielleicht ein langer Mantel, um nicht abgecheckt zu werden.
Die Haare offen, damit sie ihr Gesicht nicht sehen und dann einfach schnell an ihnen vorbeigehen
Hoffentlich unsichtbar, nur ein kurzer Moment
aber trotzdem angespannt, um im Notfall losrennen zu können.

So wie Ricarda es musste, letzte Woche an der Bushaltestelle
Als dieser Mann ihr nachstellte und sie ihn nicht zu sich nach Hause führen wollte.
Also nahm sie ihre Beine in die Hand und rannte, während sich ihre Hand um ihr Handy krallte,
damit sie im Notfall telefonieren konnte. 112 oder ihre Mutter, ganz egal.
Hauptsache, sie wurde nicht zu einem weiteren Fall, der auf einem riesigen Aktenberg landet
und in der absurden Normalität dieser Dinge leise verschwindet.
Bis sich irgendwann jemand ihnen wieder widmet.

Der Polizist mit müden Augen sitzt auf einem Stuhl und blättert durch die Seiten,
die Fotos, die Chiara vor ihm ausgebreitet hat.
Ergebnisse und Tests, blaue Flecke und Google-Maps Routen – die Beweise der schlimmsten 10 Minuten ihres Lebens.
Sie beobachtet, wie er liest und seufzend aufblickt. Am liebsten hätte sie ihn weggeschickt, um mit einer Frau sprechen zu können. Die würde vielleicht nicht diese Fragen stellen:
„Schlimm das Ganze. Was haben Sie denn getragen?“
„Haben Sie Signale gesendet?“
„Haben Sie Pfefferspray verwendet? Sie haben keins? Das ist gefährlich.“
„Da bin ich ehrlich und gebe zu, junge Männer sind nicht ohne. Aber wissen Sie – das sind die Hormone.“

Somaya sitzt im Zug und blickt aus dem Fenster raus, während die Typen im Vierer hinter ihr unglaublich laut sind. Sie möchte eigentlich gar nichts hören, denn die Typen reden über den Sänger,
dem Drogenmissbrauch und Vergewaltigung an Frauen vorgeworfen wird.
Im Internet werden die Frauen zerstört und auch die Typen haben ihre Meinung:
„Das kann man sich doch denken, wenn man Backstage mit rein kommt“
„Die haben es ja nicht anders gewollt“
„Haben sich sicher noch total geil gestylt und jetzt am Rumjammern, weil er sie fallen gelassen hat“
„Typisch Schlampen. Nach einem Fick hat man sie satt.“
Somaya wird schlecht, zum Glück muss sie gleich raus. Aber auf dem Weg nach draußen muss sie an den Typen vorbei und der eine haut ihr im Vorbeigehen auf den Po
„Na Süße, was machst du heute noch so?“
Somayas Herz rast, als sie zischt: „Ihr seid wirklich so widerlich. Hoffentlich schämen eure Mütter sich!“
„Was willst du eigentlich, Fotze? Du bist eh hässlich!“

Wieso stehen wir vorm Kleiderschrank, rennen von Bushaltestellen auf Polizeistühle und werden vor Ekel ganz krank?
Wieso kriegen wir Pfefferspray in die Hand gedrückt, werden in einen Selbstverteidigungskurs gesteckt, sind erst heiß und dann hässlich, nur weil sie sich nicht mit ihm einlässt?
Wieso hatte sie etwas falsches an, wieso ist es immer die Frau, nicht der Mann, die Schuld trägt?
Wieso wird an den Stühlen der Frauen gesägt, wenn sie sich trauen zu sprechen.
Die Unschuldsvermutung gilt für viele nur, wenn dem Mann ein Verbrechen vorgeworfen wird
Aber die Frau, die ihn anklagt, hat sicher nur seinen Ruin im Sinn
Weil es ja so viele Frauen sind, die Karrieren zerstören, man hört ja täglich von den vielen Frauen, die Männern Böses wollen
Die ollen Alten, die nur eifersüchtig sind
Die sich lieber mal ums Kind kümmern sollen
Die biestig sind, weil sie niemand fickt oder weil man sie in die Wüste schickt

Maya starrt in den Spiegel und fragt sich, warum sie heute überhaupt etwas anzieht
Sollte es denn nicht egal sein, selbst, wenn sie gar nichts trägt?
Sie denkt an die Freude: „In Berlin bald Oben ohne ins Schwimmbad gehen“
Und dann hat sie die ganzen Kommentare auf Social Media gesehen.
Frauen als Sexobjekt und dann noch selber Schuld.

Ich habe dafür keine Geduld mehr.
Wann drehen wir das endlich? Wann lehren wir Anstand und Respekt, statt den Selbstverteidigungstritt?
Ich will es ändern. Stück für Stück. Aber dafür brauchen wir viele. Damit das nicht mehr unser Alltag ist.
Ich bin dabei. Macht ihr mit?

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