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Der erste Ort, den ich Zuhause nannte

von Natascha

Zwei Zahnbürsten in zwei Bechern.
Illustration: Karoline Hummel

Der erste Ort, den ich Zuhause nannte, ist ein zweistöckiges Haus in Sombor, Serbien. Das ist die Heimatstadt meines Vaters. Das Haus hat diese großen Fenster, mit weißem Rahmen. An dem Tor stehen kyrillische Buchstaben. Ich wusste nie, was dort genau steht.Um zurückzugehen, an diesen Ort, den ich Zuhause nenne, müssen wir ins Jahr 2014.

Meine Familie sitzt im Auto, unterwegs nach Serbien. Sobald wir in der Stadt ankommen, erkenne ich alles. Sie sieht genauso aus wie jedes Jahr, nichts hat sich geändert. Ich rieche sofort das nasse Gras, das Benzin der Motorräder und die Bauernhöfe in der Nähe. Ich kann Hunde bellen hören, Kinder lachen und Grillen zirpen.

Als ich durch die Tür in das Haus gehe, sieht alles gleich aus. Der Tisch, an dem mein Opa jeden Morgen die Zeitung liest, steht noch am selben Platz. Die Tür zum Keller steht wie gewohnt offen und meine Malereien hängen noch.

Doch worauf ich mich am meisten freue, liegt oben in dem Zimmer, das mein Bruder und ich uns teilen. Ich renne hoch und schaue nach, ob sie da liegen. Die Schlafanzüge, die meine Oma jedes Jahr für unseren Aufenthalt kauft. Doch es sind keine da. Ich stehe in diesem großen Raum und mir wird klar, dass sie nicht da ist.

Unten angekommen, weinen mein Opa und mein Vater. Es riecht nicht nach Wurst, Käse und Brot. Die Beiden haben nie auf uns gewartet. Dieses Mal war es nur mein Opa. Nichts hat sich verändert und gleichzeitig Alles. Ihre Lippenstifte liegen noch am selben Platz und warten darauf, benutzt zu werden. Ihre Zahnbürste steht im Becher, neben der meines Opas, ihr Bett ist gemacht und ihre Wäsche gefaltet.

Ihre Nähmaschine ist schon staubig, die Abstellkammer so voll wie immer und das Sofa hat noch denselben Bezug. Ich fühle mich als könnte ich ihr Parfüm riechen, ihr Lachen hören und uns tanzen sehen.

Als wir alle am Tisch sitzen und essen, schmeckt das Essen anders. Obwohl es dasselbe ist wie jedes Jahr.

So gehe ich also zurück in mein Zimmer und lese ein Buch. Beim Einschlafen höre ich den Grillen zu und bemerke, dass dieses Haus so viel Bedeutung für mich hat. Es hält mich am Leben und sie auch.

Das war der erste Ort, den ich Zuhause nannte. Ich war seitdem nicht mehr da.

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