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„Irgendwann reicht es mit dem Neuen.”

von Nina Schermal

Illustration: Karo

“Oh, du bist schon da”, sagt Jürgen R., als er die Tür öffnet. Im Hintergrund läuft “Perviy Kanal” – das russische Pendant zum deutschen Ersten. Die Wohnung ist klein, in der Luft liegt der Geruch von irgendetwas Gebratenem. Auf dem Regal neben der Tür steht eine glitzernde, türkis-blaue Schneemann-Uhr. “11:26” zeigt sie. Der Pensionist setzt sich auf die hellbraune Ledercouch und legt die Füße hoch. Den Fernseher macht er nicht aus, dreht lediglich die Lautstärke ein wenig nach unten.  

Fast 30 Jahre lebt “Jura”, der sich zuvor so vorgestellt hatte, in Deutschland. Er hat zuvor in  Qaraghandy, einer Stadt im Osten Kasachstans, gewohnt. 1995 ist er mit seiner fünfköpfigen  Familie als Spätaussiedler eingewandert. Deutsch spricht er immer noch nicht gerne. Und auch nicht viel. Seine Freunde, mit denen er sich regelmäßig zum Domino spielen im Park verabredet, täten das auch nicht. Lediglich seine sechs Enkel versuchen auf Familienfeiern regelmäßig, ihm die Sprache anzudrehen, erzählt er. Den Grundwortschatz, auch die Zahlen, beherrscht Jürgen. “Alles, was ich im Alltag brauche, kann ich sagen”, erklärt der 76-Jährige, “Und Fisch. Ryba.” Er lacht. Das sei seine Form des Widerstands gegen seinen persönlichen geographischen Wandel. 

Deutsch sprechen, das macht er nicht. Außer es gibt keine andere Möglichkeit. Doch die  gäbe es meistens: Bei Arztterminen kann er auf seine Töchter, die für ihn dolmetschen, zählen. Und auch, als er gesundheitsbedingt einen Monat allein in einer Rehaklinik verbringen musste, war er nicht auf die Sprache angewiesen. “Irgendwo finden sich immer Leute, die Russisch sprechen”, sagt der Rentner achselzuckend, “Das ist irgendwie auch schön. Verbindet uns. Also Spätaussiedler und Ex-Soviets.”.  

Spätaussiedler, das sind laut dem Bundesverwaltungsamt alle Menschen, die deutsche Wurzeln haben und diese anhand von sprachlichen oder kulturellen Merkmalen und in einer beglaubigten Nationalitätenerklärung nachweisen können. Im Jahr 2020 lebten rund 2,5 Millionen Spätaussiedler aus Kasachstan, Polen, Russland und Rumänien in Deutschland.  

Der Rentner deutet auf ein Foto, das im Schränkchen unter dem Fernseher steht. Umgeben von Freunden grinst ein jüngerer Jura in die Kamera, präsentiert stolz einen großen Fisch. Er vermisse die Leute, die Atmosphäre in der ehemaligen Sowjetunion. In seinen Erzählungen schwingt eine ordentliche Portion Nostalgie mit. Die verklärte Stimmung wird durch das Klingeln eines silbernen Nokia-Tastenhandys unterbrochen. Jura hebt ab. “Oh-oh!”, sagt er zur Begrüßung ins Telefon. Er spricht mit einer seiner Töchter, die sich nach seinem Lebensmittelvorrat erkundigt. “Ich brauche das nicht, Ella, alles gut.” Dann schüttelt er den Kopf, legt auf. 

In der Küche stellt er zwei weiße Tassen mit einem schnörkeligen Blumenprint auf den Tisch, setzt Kaffee auf. Sein Blick fällt auf ein kleines Emblem mit der Aufschrift “CCCP”, das an den weißen Küchenfliesen lehnt. Jura erzählt, dass seine Töchter ihn mit allem Möglichen versorgen wollen, zum Beispiel mit einem Smartphone. Weil er aus Versehen ins Internet gegangen ist, habe er die Rechnung hochgejagt. “Ich halte das alles für Schwachsinn,“ sagt er. “Früher…”, der  Rentner deutet auf das Emblem, “früher, ohne die Technik, da war alles besser. Da haben die Leute noch die Augen aufgemacht, als sie draußen waren.” So wie er, meint Jura. Auf der Straße finde er ständig Sachen. Hat schon goldene Armbänder entdeckt, beim Juwelier abgegeben, etwas Geld dafür kassiert. Das Emblem habe er auch gefunden, seitdem stünde es in der Küche. Es erinnere ihn an früher, sein Zuhause.  

Als der Kaffee fertig ist, gießt Jura ihn schweigend in die Tassen. Er sieht nachdenklich aus, schaut ins Leere. Im Hintergrund hört man die russischen Nachrichten im Fernseher. “Prinzipiell sind Veränderungen nichts Schlechtes”, bricht er plötzlich die Stille. Was ihn störe, sei, dass alles neu gewesen sei, immer noch ist. Neues Land, neue Sprache, neue Kultur, neue Technik. „Ich hatte schnell keine Lust mehr auf den Wandel, auf das Neue”, sagt er und trinkt den Kaffee aus. “Irgendwann reicht es mit dem Neuen.” 

“11:26” zeigt die kitschige Schneemannuhr. Immer noch.

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