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Meine kleine Schwester Darmstadt

von Fabia Stroetmann

Um über Darmstadt reden zu können, muss ich erst einmal über andere Städte sprechen. Vielleicht sagt allein das schon genug über die Stadt. Ich bin am Berliner Stadtrand aufgewachsen – weit genug draußen für Nazis und Badeseen, aber nah genug dran, um mich in der U-Bahn zuhause zu fühlen. Berlin ist meine Heimat, die Stadt ist groß und wild und dreckig und wird jedes Mal warm ums Herz, wenn mein Zug nach 4 Stunden endlich in die Hauptstadt trudelt. Warum also wohne ich in Darmstadt? Das ist die große Frage, die immer wieder aufkommt. Von meiner Familie, von Schulfreundinnen, Kommilitoninnen und manchmal auch von mir selbst: Darmstadt?

Illustration: Karoline Hummel

Warum Darmstadt?

Im letzten halben Jahr hat sich mir diese Frage noch mehr als ohnehin schon aufgedrängt – momentan wohne ich nämlich gar nicht in Darmstadt! Seit September letzten Jahres mache ich ein Auslandsjahr in Istanbul und nenne plötzlich eine der größten Städte Europas mein Zuhause. Hier kann ich mich zum Biertrinken ans Meer setzen (statt in den Herrngarten) und bin seit sieben Monaten kein Fahrrad mehr gefahren. Egal, wen ich hier treffe, Türk*innen, Deutsche, alle anderen – die Frage bleibt: Warum wohnst du in Darmstadt?

Zugegeben, ich verkaufe die Stadt oft nicht besonders gut. Der Name allein macht das ja schon schwer. Noch dazu ist Darmstadt vergleichsweise klein, hat eine eher hässliche Innenstadt, keinen Fluss und erst recht kein Meer. Ich weiß auch nicht, was genau ich in Darmstadt mache. Und dennoch, entgegen aller Erwartungen, trotz der unglaublichen Magie Istanbuls: Ich vermisse Darmstadt!

Klein aber fein

Die Stadt ist wie meine kleine Schwester. Sie kann nicht wirklich mithalten mit den großen Geschwistern, hat nicht die Energie Berlins oder die Macht Istanbuls. Noch nie habe ich in Darmstadt den “Puls der Stadt” gespürt, bin in den Menschenmassen untergegangen oder konnte um 4 Uhr morgens auf dem Nachhauseweg noch Suppe essen gehen. Ich habe aber in Darmstadt auch noch nie anderthalb Stunden zur Uni gebraucht, monatelang keinen Wald gesehen oder es einfach vermisst, aufs Fahrrad zu steigen.  

Ja, Darmstadt ist klein. Darmstadt ist nicht besonders hübsch und nicht besonders aufregend und man kann nicht mal wirklich gut feiern gehen. Als Kleine unter den großen Städten in meinem Leben kann Darmstadt nicht besonders viel zu deren Unterhaltung  beitragen und die Hälfte der Themen versteht sie eh nicht so richtig. Aber irgendwie heißt man sie doch willkommen.

In meinem Studiengang sind relativ viele für das Studium nach Darmstadt gezogen, die meisten kommen nicht einmal aus Hessen. Da stellt man sich öfter die Frage: was mach ich hier? Mit dem Apfelwein bin ich immer noch nicht richtig warm geworden und das Wort “Gude” wird nie meine Lippen verlassen, außer vielleicht in Bezug auf das Bier. Mein erstes Mal Laternchen war, denke ich, auch mein letztes Mal und an Handkäs trau ich mich sowieso nicht heran. Dafür kenne ich in Darmstadt mittlerweile fast jede Ecke und neue Leute zu treffen heißt immer, erst einmal abzuchecken, wen wir gemeinsam kennen. 

Darmstadt ist…

Darmstadt – das ist: im Sommer im vertrockneten Herrngarten liegen, wo man endlich nicht mehr in den Busch pinkeln muss, danach im überfüllten Woog zu schwimmen und mich zu beschweren, dass es in Brandenburg viel schönere Seen gibt. Darmstadt ist die Strecke nach  Hause einfach zu laufen, wenn die Straßenbahn erst in 10 Minuten kommt und mit dem Fahrrad sowieso nie mehr als 20 Minuten zu brauchen. Darmstadt, das ist, genau zu wissen, welche Leute ich bei welchen Demos und Konzerten sehen werde, ohne dass wir uns verabreden müssen. Darmstadt ist, wenn die Stadt mich dazu bringt, Kontakt zu halten, weil man sich eh immer zweimal sieht.

Vielleicht verschönert mein Blick aus der Ferne auch mein Bild der Stadt. Schließlich entkomme ich gerade vielen der nervigeren Seiten Darmstadts. Meine Miete in Istanbul liegt deutlich unter den Darmstädter Mieten, das liegt zum Teil an der türkischen Wirtschaft, aber eben auch an den absurden Preisen in Darmstadt. Als ich damals zu Hause auszog, dachte ich, es könne ja in einer kleineren Stadt nicht so schwierig sein, ein günstiges Zimmer zu finden. Haha. In meinem ersten Semester habe ich dann in gleich drei verschiedenen Wohnungen gewohnt, bevor ich wirklich fündig wurde.  

Fahrradstadt?!

Istanbul ist nicht gerade bekannt für ruhigen, geregelten Verkehr und das auch zu Recht. Trotzdem würde ich wetten, in Darmstadt mehr gefährliche Verkehrssituationen erlebt haben. Mit dem Rad in die Tramschiene zu rutschen (zum Glück ohne größere Verletzung), auf dem großzügigen 50-cm-Fahrradweg am Nordende der Kasinostraße von Autos überholt zu werden, links abzubiegen auf der Bleichstraße und natürlich: das nie endende, komplette Chaos auf dem Luisenplatz. Irgendwo zwischen Bussen, Straßenbahnen, Polizeiautos, anderen Fahrrädern und unzähligen Fußgänger*innen wartet da noch irgendwann ein großer Unfall auf mich. Darmstadt stellt mich als Fahrradfahrerin auf jeden Fall vor einige Herausforderungen. Aber immerhin kann ich überhaupt radeln und bisher bin ich auch noch glimpflich davongekommen. 

Vielleicht rede ich mir Darmstadt aus der Ferne schön, wer weiß. Spätestens im Oktober werde ich der Realität ins Auge sehen müssen und dann entscheiden, ob ich nächstes Jahr nach meinem Bachelor weiterhin dort leben möchte. Bisher bin ich mir da noch sehr unsicher. Jede Stadt hat ihre nervigen Aspekte und ihre Schokoladenseiten. Ich bin mir noch nicht so sicher, was letztere in Darmstadt sein könnten, aber irgendwie bin ich in den letzten drei Jahren doch auf den Geschmack gekommen.  

Darmi ist eben wie meine jüngere Schwester, die ich mit zu den coolen Großen nehmen musste, weil sie noch nicht alleine zuhause sein darf. Manchmal ist sie mir ein bisschen  peinlich. Manchmal nervt sie mich ziemlich. Aber am Ende des Tages lieb’ ich sie doch und bin froh, sie zu haben. Und ihr glaubt gar nicht, wie sehr ich mich auf den Herrngarten freue!

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