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Pride in New York City: Zwischen Regenbogenfahnen und tanzenden Paaren weine ich

von Caelan Novo Fernandez

Bild: Caelan Novo Fernandez

Musik dröhnt aus Lautsprechern, so groß wie die tanzenden Menschen neben ihnen. Sie bewegen sich zum Beat, der in meinen Knochen widerhallt. Ballons in Rot, Orange, Gelb, Grün, Blau und Lila schmücken einen LKW, der über die Fifth Avenue in New York City rollt – Es ist Pride.

Die Menschenmassen pfeifen fröhlich dem Protestzug zu, Regenbogenfächer und Pride Flags werden in die Luft gehalten und hin und her geschwungen. Die Menge ist bunt. Paare halten sich an den Händen, Menschen machen Fotos, andere küssen sich oder singen vollen Herzens zur Musik – es läuft „Born This Way“ von Lady Gaga.

Ich bin umgeben von lachenden Gesichtern, von Liebe und Fröhlichkeit. Ich bin umgeben von Menschen, die ihre Identität feiern und einen Tag genießen, an dem sie sie selbst sein können in ihrer Gänze, in ihrer Vielfalt – unapologetically them.

Hier stehe ich. Zwischen ihnen. Mit meinem regenbogenfarbenen Lidschatten, meiner Pride-Pin und einer LGBTQ-Flagge im Rucksack. Hier stehe ich mit feuchten Augen und versuche erbittert nicht zu weinen. Ich schaue in den Himmel, blinzle und ersticke mein Schluchzen in meiner Kehle. Doch den Kampf mit den Tränen verliere ich trotzdem. Dicke Tropfen, kullern mir die Wangen herunter. Leise stehe ich da, zwischen all den lachenden Gesichtern, und weine.

Warum weine ich?

Ich weine um die Menschen, die nicht bei der Seniorengruppe mitziehen können, weil sie wegen fehlender Hilfeleistungen einer homofeindlichen Regierung die HIV-Epidemie nicht überlebt haben. Ich weine, weil wir in Deutschland noch immer ein Gesetz haben, wegen dem trans* Menschen bei ihrem Weg den gesetzlichen Geschlechtseintrag zu ändern teils diskriminierende und traumatisierende Erfahrungen machen. Ich weine um die zwei Menschen, die erst vor wenigen Tagen bei einem Terroranschlag auf eine Gay Bar in Oslo (Norwegen) ermordet wurden. Ich weine um all die queeren Menschen, die in einem der 11 Länder leben, in dem ihre Identität unter Todesstrafe steht und in den insgesamt 71 in denen sie kriminalisiert werden. Ich weine, weil direkt hier in den USA, wo die Stonewall Riots stattfanden und durch sie die LGBTQ+ Bewegung entstand, jetzt darüber gesprochen wird, das nationale Recht auf gleichgeschlechtliche Ehe zu kippen.

Tränen tropfen mir auch noch auf mein schwarzes T-Shirt, nachdem ich mich in ein nahegelegenes Restaurant flüchte. Ich sitze still da, meinen Blick der Decke entgegen gerichtet. Auch hier dröhnt die laute Musik aus den Lautsprechern, Lieder die ich allesamt mit Queersein verbinde. Meine Gedanken tragen mich in eine andere Zeit. 2021 tanzte ich beim Kölner Christopher Street Day auch bei Regen durch die Straßen, sang zur Melodie von „Don’t Stop Me Now“ (Queen) und meine Brust war voller Wärme und Glücksgefühl. Doch jetzt? Heute ist mein Herz erfüllt von Angst, Trauer und Wut.

Pride was a Riot

Pride war schon immer eine Demonstration – eine Visualisierung unserer Existenz, ein Aufschrei über unsere Diskriminierung, ein Einfordern unserer Menschenrechte. Pride besteht nicht nur aus Glitzer, der in den Straßen umherschwebt oder bunt angemalten LKWs mit Werbung von Unternehmen, die gleichzeitig Anti-LGBTQ+-Gesetze fördern. Pride ist ein Tag, an dem wir für unsere Rechte auf die Straße gehen. Pride ist dazu da, Sichtbarkeit zu zeigen. Pride ist ein Fest, an dem wir unsere Community zelebrieren.

Wenngleich mir die Tränen dabei kommen, dass es noch immer „LGBTQ+ freie Zonen“ in Polen gibt, das „Don’t Say Gay“-Gesetz in den USA in Kraft trat und auch Ungarn queere Schulbildung verbietet, ich will nicht verzweifeln. Ich will nicht in meinen Tränen ertrinken. Ich will aufstehen und Ungerechtigkeiten aufzeigen. Ich will bessere Gesetzgebung für meine Community, ein besseres Leben für queere Menschen auf der ganzen Welt. Und ich will das wir gemeinsam für diese Zukunft kämpfen.

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