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Wo ist meine Familie?

von Sila Selin Noyan 

Illustration: Karoline Hummel

„Ich riskiere das Leben von mir und meiner Familie, um drei Millionen Menschen eine Stimme zu geben“.

Dilfire I. ist 27 Jahre alt und lebt seit ihrem vierten Lebensjahr in Deutschland. Bevor sie nach Deutschland fliehen musste, lebte sie mit ihrer Familie in Ostturkestan, heute „Xinjiang“ genannt. Seit 2017 hat sie keinen Kontakt mehr zu ihrer Familie. Grund dafür ist die Unterdrückung der Uiguren in China. Seither bestehen sogenannte Internierungslager, in denen Millionen von Uiguren „umerzogen“ werden sollen. Eine Millionen Uiguren werden zurzeit vermisst. Es gibt keine Informationen über ihren Aufenthaltsort und der Kontakt zum Ausland wurde auch verboten. In einem Interview erzählt Dilfire I. über das Leben als Uigurin in Deutschland, die unter ständiger Überwachung steht. 

Wann und warum bist du nach Deutschland geflohen?

Ich musste mit 4 Jahren nach Deutschland fliehen. Vorher habe ich in Ostturkestan gelebt, als es eine autonome Region im Westen Chinas war. Nach der Übernahme der chinesischen Regierung musste ich das Land verlassen. Von da an hat die Unterdrückung der Uiguren in China angefangen und es war nicht mehr sicher, dort zu leben. 

Ein weiterer Grund war die politische Aktivität meines Vaters. Derzeit ist er Präsident der Uigurischen Organisation „World Uyghur Congress“ und kämpft für die Rechte der Uiguren. Er war einer der ersten, die sich politisch für die Menschenrechte der Uiguren in Ostturkestan eingesetzt haben. Deshalb mussten meine Eltern schon vor mir aus Ostturkestan flüchten. Ich bin dementsprechend mit meinen Großeltern aufgewachsen und plötzlich hieß es, ich müsste ebenfalls das Land verlassen. Ich wurde praktisch von einem Tag auf den anderen von meiner Oma getrennt, die für mich wie meine zweite Mutter war und habe sie seit dem Tag nie wieder gesehen. 

Was brachte deinen Vater dazu, sich politisch einzusetzen?

Damals, als er noch Student und in der Heimat war, hat er sich intensiver damit auseinandergesetzt, wer wir Uiguren überhaupt sind. Mit der Zeit hat er sich dann gefragt: Was macht uns Uiguren zu schlechteren Menschen? Warum werden wir unterdrückt?

Je mehr er sich mit dem Thema beschäftigt hat, desto mehr wurde ihm bewusst, dass die Situation der Uiguren nicht menschengerecht war. Daraufhin wusste er schnell, dass er seine Stimme für seine Mitmenschen erheben muss. Sein erster Schritt in Richtung Politik war an der Universität. Dort hat er mit anderen Studenten eine Demonstration organisiert. Durch die Aktion wurde er suspendiert und musste das Land verlassen. Ihm war bewusst, dass er durch seinen Einsatz sich selbst und seine Familie in Gefahr bringt. All dies, um frei leben zu können. All dies, um unsere Religion frei ausüben zu können. All dies, damit wir unsere Identität nicht vergessen.

Wie hast du die Situation in China vorher im Vergleich zu heute wahrgenommen? 

Für mich gibt es ein Leben vor Deutschland und ab Deutschland. Früher war die Situation nicht so extrem, wie sie es heutzutage ist. Die Menschen konnten in der Öffentlichkeit Uigurisch reden, Ramadan feiern und Beten. In der Umgebung, wo ich aufgewachsen bin, habe ich die Unterdrückung fast gar nicht mitbekommen. Zu der Zeit war es auch nicht in dem Ausmaß wie jetzt. Alles, was für mich selbstverständlich war, ist heute nicht mehr erlaubt. Es ist schon ein Verbrechen zu sagen: Ich bin Uigure. 

Illustration: Karoline Hummel

Wir würdest du die aktuelle Krise in China beschreiben?

Katastrophal, dramatisch, schlimm. Ich habe keine Worte dafür. 

In Ostturkestan findet momentan ein kultureller Völkermord statt und die ganze Welt schaut still zu. Trotz der ganzen authentischen Belege, wie die „China Cables“ oder „Xinjiang Police Files“, verleugnet es noch die ganze Welt. Dort werden ethnische Minderheiten hinter verschlossenen Türen gefoltert oder, wie die Regierung es beschreiben würde, „umerzogen“. Unsere Identität wird aktuell Schritt für Schritt ausgelöscht und trotzdem werden wir vergessen. 

Die Menschen dort werden durchgehend manipuliert, das ist so ein schleichender Prozess. Bei dem Thema Politik hat niemand mehr eine Meinung. Allein durch das Schulsystem verlieren Kinder ihre Identität, sie nennen sich nicht mal mehr Uiguren. 

Hast du noch Kontakt zu deiner Familie?

Nein. Heute hat kaum ein Uigure im Ausland Kontakt zu seiner*ihrer Familie. Bei uns ist der Kontakt seit 2017 abgebrochen. Ich habe 2017 das letzte Mal mit meiner Oma telefoniert. Ab dann ist bei Telefonaten meist nach ein paar Minuten die Leitung gebrochen. Ich lebe in ständiger Sorge um sie und weiß nicht, wie es ihnen geht. 

Wie ist das Leben unter ständiger Beobachtung?

Natürlich nicht einfach, aber mein Vater hat uns Kinder, soweit es ging, aus der Politik rausgehalten. Wir haben oft Drohmails bekommen und waren auch öfter unter Polizeischutz. Doch gerade, weil meine Familie in der Öffentlichkeit steht, mache ich mir da nicht so viele Sorgen. Kleine Bemerkungen wie: „Bleibt unter Menschen oder sucht eure Wege bedacht aus“, waren natürlich beunruhigend. 

Vor kurzem habe ich zum Beispiel erfahren, dass meine Daten unter einer Auskunftssperre stehen, das heißt: meine Daten sind nochmal besonders geschützt. Solch eine Sperre kriegen eigentlich nur Menschen, die in Gefahr sind. 

Illustration: Karoline Hummel

Hast du manchmal Angst um deine Familie?

Nicht wirklich. Es würde auffallen, wenn mein Vater auf einmal verschwinden würde. Aber trotzdem erwische ich mich oft dabei, wie ich mir unterbewusst Sorgen mache. Er stand auch für eine lange Zeit auf der Interpol Liste und wurde 2009 in Südkorea festgenommen, mit dem Ziel, ihn zurück nach China zu schicken. Er konnte zwar wieder zurück nach Deutschland kommen, jedoch bleiben solche Situationen im Kopf hängen.

Was bedeutet Mut für dich?

Mut kann man meiner Meinung nach auf tausend Dinge im Leben anwenden. Für mich war ich in verschiedenen Bereichen mutig. Ich muss mich jeden Tag dazu ermutigen, weiterzukämpfen, obwohl mich der Gedanke, nicht zu wissen, wie es meiner Familie geht sehr traurig macht. 

Mutig bist du dann, wenn du aus deiner eigenen Komfort Zone rauskommst und dich deinem eigenen Risiko stellst. Mit dem Wissen: ich könnte alles verlieren oder gewinnen.

Warum ist es dir so wichtig, deine Geschichte zu teilen?

Ich habe das Privileg, in Deutschland zu leben. In Sicherheit zu leben. In Freiheit zu leben. 

Aktuell haben das drei Millionen Uiguren nicht. Ich erhebe meine Stimme für die Menschen, deren Stimme Ihnen genommen wurde. Wenn nicht wir, wer dann? Natürlich hat jeder Mensch seine eigenen Probleme und die möchte ich niemanden klein reden, jedoch will auch nicht, dass die leidenden Uiguren in Vergessenheit geraten. Für mich ist das Teilen meiner Geschichte das mindeste, was ich tun kann. 

Wie kann man dieser Krise entgegenwirken?

Deine Stimme erheben und aktiv bleiben. Es benötigt keine hohe Intelligenz oder ein gutes Verständnis von Politik. Man muss nur menschlich denken. Es sind Mütter, Väter, Töchter, Söhne, die grundlos leiden. Natürlich wird sich die Situation nicht von einem Tag auf den anderen verbessern. Jedoch kann man sagen, dass das Thema in den vergangenen Jahren mehr Aufmerksamkeit bekommen hat.

Auch Kleinvieh macht Mist.

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